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KZ-Opferfriedhof

Die Toten im KZ Ebensee

„Nach den Eintragungen im Lagerstandsbuch wurden bis Ende Juli 1944 553 Tote nach Mauthausen transportiert. Von Ende Juli 1944 bis zur Befreiung vermerkt das Lagerstandsbuch 7010 Tote, die im Krematorium von Ebensee verbrannt worden sind. Mit großer Sicherheit wurden im April und Mai 1945 nicht alle unter ‚verbrannt’ eingetragenen Toten tatsächlich im Krematorium eingeäschert.“1 Anfang 1945 reichte die Kapazität des Verbrennungsofens (ca. 90 Verbrennungen in 24 Stunden) nicht mehr aus, so dass sich aufgrund der hohen Sterblichkeit Leichenberge bildeten. Dies veranlasste die Lagerführung angesichts des täglich zu erwarteten Eintreffens der US-Armee zur Anlegung zweier Massengräber, die allerdings nicht genau datiert ist. Die Angaben über die Anzahl der Bestatteten variieren ebenfalls. Im Fotoalbum der Familie Lepetit wird die Errichtung des Massengrabs auf die Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1945 datiert. Der Überlebende Italo Tibaldi gibt auf seiner von ihm erstellten Lagerskizze ebenso dieses Datum an. In der Legende dieser Skizze erscheint die Bezeichnung „Erstes Massengrab“, das im Plan zwischen der Infektionsbaracke und der Krankenbaracke für Nicht-Juden lokalisiert ist. Laut Aufzeichnungen des französischen Häftlingsarztes Gilbert Dreyfus2 ließ die SS das erste Massengrab von einem Häftlingskommando am 26./27. April ausheben. Exakte Angaben über den Zeitpunkt der Entstehung der beiden Massengräber fehlen jedoch.

Im Oktober 1945 besuchte Hilda Lepetit erstmals das ehemalige KZ Ebensee. Sie erfuhr, dass ihr Mann Roberto wahrscheinlich im zweiten Massengrab liege, in dem ca. 1000 Tote vermutet wurden. Die Mailänderin initiierte und finanzierte die Errichtung eines Denkmals über diesem Massengrab, dessen Entstehungsgeschichte bekannt ist und durch zwei Fotoalben der Familie Lepetit, die sich als Leihgabe im Archiv des Zeitgeschichte Museum Ebensee befinden, umfassend dokumentiert ist. Die Fotosammlung mit Aufnahmen aus den Jahren 1945-1948 erlaubt auch die Lokalisierung der beiden Massengräber am KZ-Gelände (s. Foto 1). Am 4. Mai 1948 fand die feierliche Inauguration des Denkmals statt.

Bereits unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers entstand ca. 2 km außerhalb des Lagergeländes, im Ebenseer Ortsteil Steinkogel, ein erster Friedhof. Nach Schätzungen verschiedener Zeitzeugen fanden die amerikanischen Befreier im Lager ca. 1000 Leichen von Häftlingen vor.3 Die würdige Beisetzung in Einzelgräbern war vor allem von französischen, polnischen und jüdischen Überlebenden des Lagers gefordert worden. Am 2. Juni 1946 erfolgte die Einweihung des Friedhofs und eines monumentalen Denkmals neben der ehemaligen Ischler-Straße.4 Ehemalige Deportierte, die in Ebensee nach der Lagerbefreiung an den Folgen verstarben, bestattete man ebenfalls auf diesem Friedhof.

1952 führte eine französische Kommission des Ministeriums der A.C.V.G (Anciens Combattants et Victimes de Guerre) die Exhumierung der Opfer des KZ Ebensee am Friedhof Steinkogel und anderen Orten durch, deren Abschluss die Neubestattung am neu errichteten KZ-Friedhof darstellte. Ihr am 15. April 1954 in Bad Ems vorgelegter Bericht erlaubt eine weitgehende Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte des heutigen KZ-Friedhofs Ebensee.5 Aufschlussreich ist zu dem die erhalten gebliebene Korrespondenz von Hilda Lepetit.

Die Kommission exhumierte zwischen April und Juni 1952 am ersten Friedhof 834 Leichen. Der Friedhof wurde in der Folge aufgelöst. Da bereits 1948 und 1949 insgesamt 91 Exhumierungen und Rückführungen in die Heimatländer stattgefunden hatten, schließt der Bericht, dass 1945 in Steinkogel 925 Leichen beigesetzt worden waren. 1952 konnten nur mehr 306 Tote identifiziert werden. Die Verantwortlichen beklagten, dass die Kreuze mit den Namen der Opfer in der Zwischenzeit häufig umgerissen und später sorglos an anderen Gräbern wieder angebracht worden waren. Die Umbettung der Toten fand am ehemaligen KZ-Gelände linker und rechter Hand des 1948 errichteten Lepetit-Denkmals statt. Unklar ist bis heute, ob das Massengrab unter diesem Denkmal jemals geöffnet wurde. Eindeutige Hinweise fehlen diesbezüglich. Eine verlässliche Angabe über die Anzahl der Toten im Grab ist daher nicht möglich.

Der zweite Schwerpunkt der Kommission betraf das erste Massengrab unweit vom italienischen Denkmal. Am 19. Mai 1952 begann die Öffnung dieses Grabes, die ab einer Tiefe von 4 Meter 40 zur Freilegung von sterblichen Überresten führte. Insgesamt wurden auf einer Fläche von 20 mal sechs Meter 1179 Tote freigelegt.6 Nicht datierte Filmaufnahmen des Ausseers Walter Ladstätter zeigen Grabungs- und Freilegungsarbeiten von menschlichen Gebeinen, die sich vermutlich auf die Öffnung dieses Massengrabes beziehen. Im Zuge der Arbeiten kamen 656 Häftlingsplaketten zum Vorschein, nur mehr 187 von ihnen konnten entziffert werden, so dass anhand die Häftlingsnummer in einem Teil der Fälle ein Name zugeordnet werden konnte. In der Dokumentation der oberösterreichischen Landesbaudirektion Linz vom Dezember 1955 zum KZ-Friedhof Ebensee finden sich 197 im Massengrab gefundene Matrikelnummern. Die Identifizierung der übrigen Toten war nicht möglich. Das Massengrab wurde um ca. 70 Meter verlegt und direkt neben dem Lepetit Denkmal neu angelegt. Zusätzlich bestattete man an dieser Stelle 11 Tote des ersten Friedhofs und 151 Leichen aus Hörsching d.h. insgesamt 1341 Tote.

Exhumierungen von Opfern der KZ Ebensee in anderen Orten

Häftlinge, die unmittelbar nach der Befreiung in einem der umliegenden Spitäler an den Folgen der Haft umkamen, wurden ursprünglich in den jeweiligen Ortsfriedhöfen beigesetzt. Im Zuge der Arbeit der Kommission wurden die Opfer dort exhumiert, in manchen Fällen repatriiert, mehrheitlich jedoch am neuen KZ-Friedhof bestattet.

Exhumierungen fanden unter anderem im September 1951 in St. Wolfgang statt. Von dort wurden 33 Opfer am neuen Friedhof in Ebensee bestattet. In Bad Goisern exhumierte man im Mai 1951 86 Tote, 1 Toter wurde nach Belgien überstellt, 85 nach Ebensee verlegt. Eine russische Delegation hatte bereits im Jahr 1948 Rück-überstellungen von 14 Opfern durchgeführt.

Im Mai 1952 führten Freilegungsarbeiten am Friedhof Bad Ischl zur Überführung von 55 Opfern nach Ebensee, zehn weitere Tote wurden in die Herkunftsländer überstellt. Bis Frühling 1952 waren vier Opfer in St. Konrad bestattet. Es handelte sich um Häftlinge, die nach Ebensee evakuiert werden sollten. In Aurachkirchen wurde zum selben Zeitpunkt ein unbekannter Toter exhumiert, der 1945 am Weg nach Ebensee von einem SS-Soldaten getötet worden war. Erst 1960 fanden Überstellungen von 9 KZ-Opfern von Altaussee nach Ebensee statt, wobei ungeklärt ist, wie und warum diese Personen im Mai 1945 dorthin kamen.

Opfer anderer KZ-Lager am Friedhof

Ebenfalls 1952 wurden 302 Tote aus den Lagern Gunskirchen und Ebensee, die nach der Befreiung in Hörsching verstarben, im Massengrab und links davon begraben. Der Bericht der Kommission vermerkt des Weiteren die Verlegung von drei Opfern des Nebenlagers St. Valentin nach Ebensee. Aus Steyr erfolgte die Überstellung von 191 Urnengräbern, bei denen es sich um identifizierte Opfer der KZ Gusen und Mauthausen, die im Stadtkrematorium Steyr verbrannt wurden, handelte. 51 Tote des KZ Mauthausen, die in einem Spital in Schönau umkamen, wurden im Dezember 1953 exhumiert und in Ebensee bestattet. Es handelt sich um identifizierte 50 ungarische Juden und einen Russen. Weiters wurden fünf identifizierte Tote des KZ-Friedhofs Linz-St. Martin am KZ-Friedhof Ebensee verlegt. Die Bestattung erfolgte auf jeweils zwei Grabfeldern links und rechts der nunmehr beieinander liegenden Massengräber. Auf einem Grablageplan wird ersichtlich, an welcher Stelle die Opfer anderer KZ-Lager bestattet wurden. Die Bestattung in Einzelgräbern beiderseits des Lepetit-Monuments hielt die oberösterreichische Landesbaudirektion Linz in einem Grablageplan fest. Zusammen mit der Legende7 wird ersichtlich, dass vor allem die rechte Friedhofsseite unbekannte Opfer enthält. Weiters wird in dem Dokument erklärt: „Von Norden gesehen sind linksseitig die Christen und rechtsseitig die Nichtchristen, vor allem die Juden begraben; freilich konnte die konfessionelle Unterscheidung nur insoferne getroffen werden, als Identifizierungsmerkmale konfessioneller Natur festgestellt wurden.“ Von einer Trennung nach jüdischen und nicht-jüdischen Opfern ist also auch in Bezug auf die Einzelgräber am neuen KZ-Friedhof nicht zu sprechen. Auch auf der linken Seite sind im Grablageplan einige, wenngleich wenige, Gräber mit unbekannten oder jüdischen Toten vermerkt. Nach welchen Kriterien die Bestattung tatsächlich erfolgte, ist aufgrund der vorliegenden Dokumentationen nicht ersichtlich.

Anmerkungen

1 Florian Freund, Arbeitslager Zement. S. 333.

2 Gilbert Dreyfus, Cimetières sans tombeaux, Paris: Bibliothèque française 1945.

3 vgl. Freund a.a.O. 335.

4 zur Geschichte des ersten Friedhofs siehe vor allem den Beitrag in Quatember/ Felber a.a.O

5 Archiv Zeitgeschichte Museum Ebensee (Leihgabe Lepetit): Abschlussbericht der Kommission des Ministerium A.C.V.G.: „Opération d’exhumation et de regroupement de corps de concentrationnaires à Ebensee Haute-Autriche“, Bad Ems, am 5. April 1954.

6 Die Zählung der Toten wurde anhand der Schädel durchgeführt. Die Kommission fand auch Spuren völlig zertrümmerter Schädel und vermutet deshalb, dass insgesamt mehr als die gezählten 1179 Opfer im Massengrab waren.

7 Archiv Zeitgeschichte Museum Ebensee Sig. KLE 12 und KLE 13.

 


Redaktion: Andreas Schmoller