Logo Zeitgeschichte Museum und KZ-Gedenkstätte Ebensee

Kurzgeschichte KZ Ebensee

Raketenaufrüstung und das „Projekt Zement“

Die Errichtung des Konzentrationslagers Ebensee begann am 18. November 1943 mit der Überstellung von 63 KZ–Häftlingen aus dem Mauthausen–Außenlager Redl–Zipf nach Ebensee. Inmitten des oberösterreichischen Salzkammergutes sollte ein riesiges unterirdisches Rüstungsprojekt verwirklicht werden, das die Verlegung des Raketenforschungszentrums Peenemünde in Norddeutschland in bombensichere Stollenanlagen vorsah. Auf Grund des akuten Arbeitskräftemangels sollten diese durch den massenhaften Einsatz von KZ–Häftlingen erbaut werden. Das unter der Tarnbezeichnung „Zement“ geführte Außenlager Ebensee ist eines von zahlreichen Beispielen für die kriegswirtschaftlich bedingte Weiterentwicklung des KZ–Systems durch die SS. Ab dem Sommer 1942 entstand im Deutschen Reich ein großes Netz an Außenlagern, in denen KZ–Insassen als Arbeitskraft eine besondere ökonomische Bedeutung zukam.

Ausgangspunkt für die Einrichtung eines Lagers in Ebensee war wenige Monate zuvor die Bombardierung mehrere Serienwerke der Raketenproduktion, insbesondere der Angriff auf die Heeresanstalt in Peenemünde durch die britischen Alliierten in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943. Die Raketentechnologie – mit der V1 und V2-Waffe – nährte durch die Kriegspropaganda in der letzten Kriegsphase die technologisch und militärisch unbegründete Hoffnung, den Krieg noch gewinnen zu können. Die NS–Führung wollte mit allen Mitteln die Entwicklung der zum Mythos gewordenen „Wunderwaffe“ erreichen und beschloss daraufhin die Verlegung des Rüstungsprojektes in unterirdische Anlagen. In Nordhausen errichteten Häftlinge im neu geschaffenen KZ Dora–Mittelbau Stollenanlagen, die zur Serienproduktion von Raketen genutzt wurden.

Getrennt davon sollte eine Forschungsanlage entstehen. Da keine geeigneten bestehenden Stollen ausfindig gemacht werden konnten, entschied man sich für einen Stollenneubau in Ebensee. Die Rakete mit der Bezeichnung A9/10, welche bis in die letzten Kriegswochen als schicksalswendendes Kriegsgerät propagiert wurde, hätte in der – Ende 1943 lediglich am Reißbrett existierenden – unterirdischen Fabrik unter der wissenschaftlichen Leitung von Wernher von Braun entwickelt werden sollen. Der ursprüngliche Plan musste später auf Grund der Priorität anderer kriegswichtiger Produktionen aufgegeben werden. Fertige Teile der Stollenanlagen wurden ab 4. Februar 1945 im Rahmen des „Geilenberg Programms“ zur Erzeugung von Treibstoff sowie zur Fertigung von Motorteilen für Panzer und LKW der Steyr–Daimler–Puch– und Nibelungenwerke genutzt.

Das Konzentrationslager

Vor diesem kriegswirtschaftlichen Hintergrund entstand mit dem 18. November 1943 das KZ Ebensee. Zu Beginn waren ca. 500 Lagerinsassen in einem provisorisch eingerichteten Lager in der Weberei von Ebensee untergebracht. Neben den Vorbereitungsarbeiten für den Stollenbau mussten sie täglich den Aufbau des Konzentrationslagers voranbringen, in das die Häftlinge Ende Januar 1944 verlegt wurden. Mit der zunehmenden Vergrößerung des Lagers um Holzbaracken stieg auch der Häftlingsstand durch Transporte aus dem Hauptlager Mauthausen. Nach dem vollen Ausbau umfasste das Lager neben 32 Unterkunftsbaracken mehrere Wirtschaftsgebäude, die im Halbkreis um den Appellplatz angelegt wurden, an dem die Inhaftierten mehrmals täglich zum Appell antreten mussten. Anfänglich wurden im Stammlager Mauthausen nur Häftlinge in guter körperlicher Verfassung und in der Regel im Alter von 20–40 Jahren für die Überstellung nach Ebensee ausgesucht. Die Überlebensbedingungen waren unter anderem abhängig von der Zuteilung in Arbeitskommandos, welche die so genannten „Lagerschreiber“ zusammenstellten. Diverse beauftragte Baufirmen leiteten die Arbeiten auf der Stollenbaustelle. Die SS „verlieh“ an diese die Häftlinge und erhielt dafür ein nach der beruflichen Qualifikation und der Arbeitsfähigkeit bemessenes Entgelt. Zudem war die Zuweisung zu Kommandos von der Stellung in der rassistischen Hierarchie der SS abhängig, sodass insbesondere Juden und slawische Häftlinge in einer besonders schlechten Situation waren.

Die SS–Lagerführung wechselte in Ebensee mehrmals. Insgesamt standen dem Lager vier Lagerkommandanten vor. Auf Georg Bachmeier und Anton Bentele folgte Otto Riemer, der besonders zu erwähnen ist. Im Mai 1944 erschoss er in alkoholisiertem Zustand mindestens acht Häftlinge eines Arbeitskommandos. Als Firmen, die Häftlinge beschäftigt hatten, den Vorfall nach Mauthausen meldeten, wurde Riemer degradiert. Sein Nachfolger, Anton Ganz, blieb bis zur Befreiung des Lagers Kommandant. Sein brutales Verhalten orientierte sich streng an der raschen Realisierung des Rüstungsprojektes und stand in engem Zusammenhang mit dem rücksichtslosen Antreiben zum Arbeitseinsatz.

Eine zentrale Position hatte weiters auch das SS-Personal des Krankenreviers – SS-Lagerarzt Dr. Wilhelm Jobst (bis Mai 1944 Dr. Hans J. Geiger), Sanitätsdienstgrad Gustav Kreindl und Rapportführer Andreas Schilling  – inne. Sie entschieden im Sinne einer Selektion über Zutritt und Versorgung von nicht arbeitsfähigen Insassen im eingerichteten Krankenrevier. Zudem erfüllten ausgewählte Häftlingsärzte medizinische Aufgaben, allerdings blieben ihre Möglichkeiten, Häftlingskameraden möglichst lange Ruhe zu verschaffen, gering. In den so genannten „Schonungsblocks“ konnten sich aufgenommene Häftlinge einige Tage erholen, sofern Chance auf rasche Genesung bestand. Sie konnten außerdem von vorübergehend eingeführten Sonderrationen für Kranke profitieren. Gleichzeitig forcierte die SS die Beseitigung jener Kranken, deren Genesung sie als zu aufwändig und kostspielig erachtete. Schwerkranke wurden häufig für den Rücktransport nach  Mauthausen selektiert, was meist den Tod bedeutete. Manche wurden durch Benzininjektionen ermordet, andere ließ man in den Krankenblocks verhungern. Im Frühjahr 1944 begann der Bau eines Krematoriums, das am 31. Juli 1944 erstmals in Betrieb genommen wurde.

Die dramatische Spätphase des Lagers

Das ursprünglich für 6000-7000 Inhaftierte geplante Lager überfüllte sich ab Jänner 1945 fortlaufend durch Evakuierungstransporte aus Konzentrations- und Vernichtungslagern im Osten. Beispielsweise gelangten am 28. Januar 1945 1999 Häftlinge aus Auschwitz nach Ebensee, nachdem sie in Mauthausen registriert worden waren. Mit einem der schlimmsten Transporte trafen am 3. März 1945 2059 jüdische Häftlinge aus Wolfsberg, einem Außenlager von Groß–Rosen, ein. Die Lagerleitung verweigerte den Juden trotz Schneefalls und Kälte fast zwei Tage lang der Einlass in die schützenden Baracken. Hunderte kamen dabei ums Leben. Der Zustrom evakuierter Häftlinge setzte sich mit der Auflösung der Außenlager Wels, Melk, Amstetten, Leibnitz und St. Valentin fort. Mit 18500 Häftlingen erreichte das Lager zu diesem Zeitpunkt seinen Höchststand. In der letzten Phase änderten sich die Gegebenheiten in einem zusehends bedrohlicher werdenden Ausmaß, Ebensee glich in weiten Teilen einem Hunger- und Sterbelager.

Überlebenden sind geprägt von der Spätphase des Lagers, zumal viele von ihnen zu den aus anderen Lagern Evakuierten zählten. Die völlig überfüllten Schonungsblocks, wobei es eigene Judenblocks gab, dienten in den letzten Monaten zur indirekten Vernichtung der arbeitsunfähigen Häftlinge. Die Sterberate stieg dramatisch an. Allein im April 1945 kamen rund 4500 Menschen ums Leben. Die Kapazität des Verbrennungsofens reichte nicht mehr aus, so dass sich Leichenberge zu stapeln begannen und kurz vor der Befreiung des Lagers im „Revier“ heimlich zwei Massengräber angelegt wurden, in denen 2167 Tote begraben wurden.

Wie in anderen Lagern bildete sich auch in Ebensee ein „internationales Lagerkomitees“. Von Drahomír Bárta, Hrvoje Macanovic und Jean Laffitte im Frühling 1944 gegründet, strebte das illegale Komitee neben der Koordinierung der Solidarität Widerstandshandlungen für die kritische Phase der Befreiung an. So baute die Gruppe Kontakte zu Wehrmachtssoldaten auf, von denen jener zum Unteroffizier Josef Poltrum entscheidend war, als die Befreiung des Lagers unmittelbar bevorstand und das Lagerkomitee mit der Zerstörung des Lagers zu rechnen hatte. Die vom Lagerkommandanten Anton Ganz geplante Sprengung der Stollen, in die zuvor alle Häftlinge durch ein Täuschungsmanöver geschickt werden sollten, konnte verhindert werden. Die Weigerung der durch das Komitee gewarnten Häftlinge, dem Befehl von Ganz Folge zu leisten, bildete die bedeutungsvollste Widerstandshandlung der Häftlinge. Noch am selben Tag zog die SS ab, bevor tags darauf am 6. Mai 1945 das Konzentrationslager Ebensee durch amerikanische Truppen der 3rd Cavalry Group unter dem Befehl von Timothy Brennan befreit wurde.

Zwischen 1943 und 1945 wurden insgesamt ca. 27000 männliche Häftlinge aus mehr als 20 europäischen Ländern nach Ebensee deportiert. Etwa 8500 Menschen kamen hier infolge des Arbeitseinsatzes, durch Entkräftung und Hunger, aufgrund von Seuchen und Krankheiten oder durch Gräuelakte ums Leben. Rund ein Drittel der Häftlinge war jüdischer Herkunft, in kleiner Anzahl befanden sich auch Zeugen Jehovas, Roma und Homosexuelle unter den Opfern des KZ Ebensee. Die Mehrheit der Insassen bildete jedoch die Gruppe der so genannten politischen Häftlinge. Die Gründung von Überlebendenverbänden, jährliche Erinnerungsrituale und die mündlichen und schriftlichen Zeugnisse der Häftlinge wirkten an der unmittelbaren Etablierung eines kollektiven Gedächtnisses der Deportation mit.


Redaktion: Andread Schmoller, basierend auf: Florian Freund, Arbeitslager Zement. Das Konzentrationslager Ebensee und die Raketenrüstung, Wien 2. Auf. 1991.