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Betrifft Widerstand

Prato-Ebensee

Einführungsfilm

Städtepartnerschaft Prato-Ebensee

Allgemein

1987 unterzeichneten die beiden Orte Ebensee und Prato ein Städtepartnerschaftsabkommen, das bis heute die Verbindung zwischen beiden Städten trägt. Die Mentoren hinter dem Projekt waren Prateser, welche 1944 in Folge eines Arbeiterstreikes verhaftet,  nach Mauthausen deportiert und ins das Nebenlager Ebensee verlegt wurden. Weniger als die Hälfte der in Ebensee inhaftierten Prateser hatten die Befreiung 1945 erlebt. Dorval Vanini und Roberto Castellani zählten denjenigen, welche Zeit ihres Lebens im Zuge von Erinnerungsfahrten (pelerinaggi) nach Mauthausen und Ebensee zurückkehrten. Die Idee einer Städtepartnerschaft stellten sie unter das Motiv der praktischen Friedens- und Versöhnungsarbeit, die in Ebensee Mitte der 1980er Jahre allmählich auf Gehör zu stoßen begann und schließlich der Vergangenheitsbewältigung auf lokaler Ebene eine bestimmende Richtung verlieh, in der sich große Teile der Bevölkerung wiederfinden konnte. 1992 gründete sich in Ebensee unter der Obmannschaft von Joseph Piontek ein eigener Verein, der sich seither um den kulturellen und gesellschaftlichen Austausch auf institutioneller und privater Ebene sorgt. Nach dem Tod der Gründungsfigur Roberto Castellani 2004 nehmen Erinnerungsreisen und Jugendprojekte einen zunehmend größeren Stellenwert in der Partnerschaft ein.

 

Geschichte: Roberto Castellani

Roberto Castellani wurde am 23. Juli 1926 in Prato geboren. Seine Schulzeit war gekennzeichnet durch eine starke Beeinflussung der faschistischen Erziehung und Propaganda, deren Anziehungskraft auf Jugendliche und ihn selbst er stets betonte. Am 10. Juni 1940 trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein. Zunehmende Kriegsverluste und große wirtschaftliche Not führten am 25. Juli 1943 zum Zusammenbruch des faschistischen Systems. Mussolini wurde auf Anordnung des Königs verhaftet, die Regierung wurde dem Marshall Pietro Badoglio übertragen. Nach dem Waffenstillstand mit den Alliierten am 8. September zerfiel Italien in das Königreich im Süden (regno del Sul) unter der Militärregierung Badoglio auf Seiten der Alliierten und der von Mussolini ins Leben gerufenen Republik von Salò am Gardasee in Nord- und Mittelitalien (Repubblica Sociale Italiana), die zwar unter Mussolini als Regierungschef, aber unter deutscher Befehlsgewalt als „besetzter Verbündeter“ stand.

„Hai fatto sciopero?“ - Der Arbeiterstreik in Prato März 1944 und Deportation nach Mauthausen

Die Industriestadt Prato in der besetzten Toskana war am 4. März 1944 Schauplatz eines Streikes von 480 Textilarbeitern. Castellani wurde als einer von ihnen drei Tage später auf Anordnung der Besatzungsmacht verhaftet, zunächst in die Festung von Prato, dann nach Florenz in die Scuole delle Leopoldine an der Piazza Santa Maria Novella gebracht. Am 8. März verließ ein 597 Personen zählender Transport den Bahnhof Florenz in Richtung Mauthausen. Darunter der 17-jährige Roberto Castellani und 116 weitere Prateser. „Noi abbiamo fatto tre giorni di viaggio e quattro notti e abbiamo patito la sete, che è una cosa da nemmeno paragonarla a nulla, né alla fama, né a nulla.” Nach der Ankunft am 11. März verbrachte er nur 14 Tage im Hauptlager (Häftlingsnummer 57027), bevor er mit einem Großteil des Transports nach Ebensee verlegt wurde.  Die Häftlinge italienischer Nationalität verzeichneten im Lager Ebensee die höchste Mortalität, ihre Lebensbedingungen waren besonders schlecht. 512 der 955 Italiener überlebten nicht. Hinzu kam, dass die Italiener auch innerhalb Lagergesellschaft angefeindet wurden. Roberto begründet diesen Umstand folgender Maßen: „Eine andere große Tragödie für uns Italiener war, dass wir nicht gut angesehen waren, da wir gegen alle Krieg geführt hatten.“

 KZ-Ebensee

Castellani war zunächst als Gärtner im SS-Lager eingesetzt und konnte sich durch Brotabfälle der SS und dem für die SS-Hunde vorgesehenen Futter ausreichend Nahrungsmittel verschaffen. Eines Tages jedoch ging er nicht zur Arbeit, da er aus Mitlied bei seinem Freund Mario Nanni blieb, dem eine Tbc-Diagnose drei Tage Aufenthalt im Revier ermöglichte. Ein Blockkapo erwischte ihn dort und noch am selben Nachmittag wurde Castellani in die Stollen geschickt, wo er bis zur Befreiung eingesetzt blieb. Doch ein zweites Mal hatte er insofern Glück, da seinem Kommando ein Kapo vorstand, den er für einen „intelligenten Russen“ hielt und zudem italienisch sprach. Von diesem erfuhr er auch vom illegalen internationalen Lagerkomitee und wurde zusammen mit einem tschechischen und einem polnischen Häftling mit Auskunftsdiensten innerhalb der Lagerorganisation betraut.

Zu einem Vorfall im KZ Ebensee, der gut dokumentiert ist, hatte Roberto eine besondere Verbindung. Er hat diese traumatische Erinnerung zu vielen Anlässen erzählt. Am 14. Mai 1944 wird sein Freund, Danielo Veronesi, ein 18 jähriger Italiener der mit ihm den Schlafplatz teilte, nach erfolglosem Fluchtversuch auf besonders grausame Weise exekutiert. Der tschechische Lagerschreiber Drahomír Bárta notierte in seinem Tagebuch: „Verhör, Lagerführer Otto Riemer und Blockführer Hans Büchner. Er wurde gefoltert und geschlagen. Schließlich ließen sie eine Dogge, Lord genannt, der Schrecken aller Häftlinge, auf ihn los. Lord wurde von Riemer angetrieben, er griff ihn fast eine Stunde an, bis er ihn tot biss.“

Eine unvergessene Geste

Kurzer Zeit bevor das KZ Ebensee am 6. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde, ereignete sich eine kleine Szene, deren Bedeutsamkeit erst Jahrzehnte später zu Tage treten würde. Der tägliche Arbeitsweg führte Roberto in der Nähe des so genannten großen Steinbruchs an mehrere Wohnhäuser vorbei. Einmal kam dort ein kleines Mädchen auf den entkräfteten Häftling zu und überreichte ihm entlang des Weges ein kleines Zuckerl. Die Geste des Kindes blieb Teil Robertos Erinnerungen von Ebensee. Nach der Befreiung machte er sich zusammen mit Vincenzo Maranghi, Gino Fioravanti und einem gewissen Gianni aus Udine zu Fuß auf nach Italien. Die Heimreise barg viele Beschwerlichkeiten in sich, nahe der italienischen Grenze gelangten sie z.B. in einen Schneesturm. Mit letzter Kraft trafen sie auf eine Hütte, die Schutz bot.

Die Rückkehr in ein Leben nach der Deportation gestaltete sich schwierig. Zunächst hinderten ihn wie viele andere auch die gesundheitlichen Folgen an der Wiederaufnahme des Berufslebens. Eine Zeit lang war er als Laufbursche tätig. Roberto gründete eine Familie. Seit 1949 oder 1950 war er mit Sestilia verheiratet. Zusammen hatten sie eine Tochter, Stefania. Ende der 50er Jahre erhielt er eine Anstellung bei der Commune von Prato. Als Kleinbusfahrer kam er vor allem mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt, die er täglich zur Schule brachte. Außerdem entwickelte Roberto in dieser Zeit ein starkes politisches Engagement, das auf sozialer Ebene Ausdruck fand. Sein Anliegen waren insbesondere die Verbesserung der Bildungschancen für sozial Benachteiligten.

Gedenken

Darüber hinaus ist Castellani das Gedenken von Beginn an eine besondere Pflicht. Nachweislich kam er bereits 1948 wieder nach Ebensee. Die Teilnehmerliste einer Reise nach Österreich anlässlich der Einweihung eines Denkmals in Ebensee enthält seinen Namen.  Die Mailänderin Hilda Lepetit hatte für ihren im Lager verstorbenen Mann Roberto ein Denkmal über dem Massengrab bauen lassen, das die Überreste ihres Gatten enthielt. Seither fuhr Castellani, wie viele italienische und andere Überlebendenverbände regelmäßig nach Ebensee, um am ehemaligen KZ-Gelände der toten Kameraden zu gedenken. Die Erinnerungsfahrten der ehemaligen Häftlinge waren umso wichtiger, als das Lager abgetragen und mit Wohnhäusern verbaut wurde. Die Spuren des Ortes waren weitgehend verschwunden. Alles Anzeichen dafür, dass Ebensee sich seiner Geschichte zu entziehen versuchte. Unverständnis und Ärger seitens der ausländischen Vertreter der KZ-Opfer waren die Folge. Abseits von der öffentlichen Wahrnehmung widmeten sie sich jahrzehntelang der Erinnerung. Die beiden Prateser Überlebenden Roberto Castellani und Dorval Vanini, die eine enge Freundschaft verband, regten in Prato schon früh an, eine Städtepartnerschaft mit Ebensee zu gründen.

Der Weg zur Partnerschaft

1987, die österreichische Erinnerungskultur befand sich ausgelöst durch die Waldheim-Affäre an einer Bruchstelle, ging der lang gehegte Wunsch in Erfüllung. Unter dem jungen Ebenseer Bürgermeister Rudolf Graf wurde zwischen den beiden Gemeinden Prato und Ebensee ein Städtepartner-schaftsvertrag geschlossen, der sich der historischen Verbindung der beiden Orte verpflichtet fühlt und ihre Aktivitäten besonders in der Friedensarbeit verorten will. Der gemellagio entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einem bilateralen Modell der Vergangenheitsbewältigung. Es bot vor allem Ebensee die Möglichkeit, bei großer Akzeptanz die örtliche Erinnerungskultur substantiell zu modifizieren. In diesem Prozess war die offenherzige und versöhnliche Persönlichkeit Roberto Castellanis stets von grundlegender Bedeutung. Nicht dass dabei keine Reibungsflächen entstanden wären. Die Gedenktraditionen der beiden Länder weisen jeweils verschiedene Hintergründe auf. Die Suche nach städtepartnerschaftlichen Erinnerungsritualen konnte dabei auch zu Missverständlichkeiten führen. Doch entsprachen die Initiativen um gemeinsame Gedenkformeln immer Robertos vordergründigem Bedürfnis, Gesten der Versöhnung zu setzen. Mit seiner persönlichen Autorität gelang es ihm nun auch, die Gemeinde Ebensee zu einer Antwort auf ihr geschichtliches Erbe herauszufordern. Eine junge Generation, die Rudolf Graf repräsentierte, wagte den Schritt. Zehn Jahre nach Gründung der Partnerschaft dokumentierte ein 70-minütiger Film von Massimo Sani  die Geschichte den Erfolg der Städteverbindung und Ebensee verlieh Roberto Castellani die Ehrenbürgerschaft. Die Städtepartnerschaft wurde eine Selbstverständlichkeit im Leben der Gemeinde und weitete sich auf immer mehr Bereiche aus. Die Kontakte brachten es mit sich, dass Roberto die 750 km lange Strecke zwischen der Toskana und dem Salzkammergut ungezählte Male zurücklegte, um Tausende von jungen Pratesern in die Gedenkstätten Mauthausen und Ebensee zu führen. Mit dem Zeitgeschichte Museum in Ebensee (eröffnet 2001) und dem Museo della Deportazione in Figline bei Prato, dessen Errichtung vor allem dem unerschöpflichen Einsatz Castellanis zu verdanken ist (eröffnet 2002), entstanden zwei Partnerinstitutionen, die die Aufgabe der geschichtlichen Vermittlung erfüllen. Die Leiterin des Museums Camilla Brunelli stand vom ersten Tag an Castellani nicht nur als Dolmetscherin zur Seite, sondern wurde selbst zu einer der tragenden Säulen. 2001 fand in Berlin eine internationale Gedenkstättenkonferenz statt. Teil des Tagungsprogramms war die Frage, wie es in Zukunft möglich sein würde, gesponnene Verbindungen zwischen Lagerorten und Herkunftsorten von Opfern nach dem Schwinden der Zeitzeugen weiterzuführen. Prato und Ebensee wurden eingeladen, ihren Weg vorzustellen.  Die Städtepartnerschaft hat die erforderlichen Strukturen hervorgebracht, mit den Partnerschaftsvereinen und Museen auf institutioneller Ebene und den vielen Freundschaften auf persönlicher Ebene.

Das Zuckerl wird zum Symbol der Verbindung Prato-Ebensee

Bei den vielen Zusammentreffen mit Roberto kehrte auch die Erzählung von dem Mädchen mit dem Zuckerl und der Wunsch es zu finden des Öfteren wieder. Über die Ausforschung von Theresia Huber und der Begegnung mit Castellani wenige Monate vor seinem Tod ist viel berichtet worden. Es ist eine ergreifende Geschichte, die nach 59 Jahren zu Ende geschrieben werden konnte und somit auch als Stoff für die breiten Medien taugte. Sie wird im Rückblick auch zu einem entscheidenden Moment des Städtebündnisses. Die Begebenheit nahe dem Steinbruch im Jahr 1945 zählte zu den Motiven für die Rückkehr Castellanis nach Ebensee und dem hoffnungsvollen Bemühen, Kontakt zur ehemaligen Stätte seiner Deportation aufzubauen. Für die Städtepartnerschaft hat sich auf diese Weise gewissermaßen ihr eigener historischer Ursprung erschlossen. „Tutto cominciava con una caramella!“ (Alles begann mit einem Zuckerl!)


 Literatur:

  • Daniela Jandl, Gelebe Erinnerung an das KZ-Ebensee. Die Friedenspartnerschaft Ebensee-Prato, Diplomarbeit Wien 2006.
  • Dies., Prato und Ebensee. Zwanzig Jahre gemeinsam für den Frieden, Pisa: Pacini Editore 2007.

Weblink: 

Infos zur Partnerschaft auf Italienisch:

Redaktion: Andreas Schmoller

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