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Denkmalprojekt „Den Opfern einen Namen geben“

„Die wirklichen Überreste des Holocaust bestehen aus Papier“, aus Akten der gesamten Bürokratie des „Dritten Reichs“ … (Raul Hilberg).
Tatsächlich trifft diese Aussage Hilbergs auf die Opfer des KZ Ebensee im Wesentlichen zu. Ein Lagerstandsbuch, Totenlisten und zahlreiche weitere Quellen der Lager Mauthausen und Ebensee, Protokolle von Behörden und Exhumierungskommissionen sind erhalten geblieben. Vor allem der Historiker Dr. Florian Freund und in der Folge auch Mitarbeiter der KZ Gedenkstätte Ebensee haben in mehrjähriger historischer Arbeit rund 95 %  der Namen der Opfer erfasst und auf Datenträger gesichert. Ein Totenbuch wird von Dr. Freund begleitend  publiziert werden.

Der Opferfriedhof in Ebensee

Am Gelände des früheren KZ Lagers befinden sich seit der Befreiung des Lagers einzelne Denkmäler, seit 1952 ein gestaltetes Friedhofsensemble mit Gräbern und nationalen Denkmälern. Der KZ Opferfriedhof in Ebensee wird jedoch der Individualität der Opfer kaum gerecht. Zwei Massengräber sowie 4 große Rasenflächen mit Einzelgräbern und der vermutete Ort einer Aschenhalde – rund 4.000 Opfer wurden zwischen 31.Juli 1944 und 4. Mai 1945 im Krematorium des KZ Ebensee verbrannt – befinden sich am Opferfriedhof. Obwohl die Namen der Opfer aus über 20 Nationen bekannt sind, bleiben die Opfer in der Gedenkstätte anonym, großteils ohne  Namen. Aber gerade Namen sind ein Symbol für die Individualität jedes Menschen und gestatten eine Identifikation mit den Opfern, nicht nur für Angehörige.

Ausschreibung eines Kunstwettbewerbes

Die Verantwortlichen der KZ-Gedenkstätte entschlossen sich deswegen vor rund 2 Jahren am KZ Opferfriedhof ein Mahnmal zu errichten zu lassen, das alle eruierbaren Opfernamen integriert. Aufgrund dieser Erwägung wurden im Rahmen eines geladenen Wettbewerbes 6 KünstlerInnen und ArchitektInnen aus Oberösterreich aufgefordert, Realisierungsvorschläge zu unterbreiten. Vorgabe war zudem,  dass das Denkmal keine konfessionellen Symbole  aufweisen dürfe, also allen Opfern des KZ Ebensee gewidmet sein solle, unabhängig von Herkunft, Konfession, Nationalität und von NS-Behörden bestimmten Häftlingskategorien.

Nach derzeitigem Forschungsstand mussten die von Dr. Florian Freund (Wien) in einer Datenbank erfassten 8.278 Namen der KZ-Opfer lesbar und dauerhaft witterungsbeständig am Mahnmal integriert sein.  Das ergibt eine annähernde Gesamtzahl von  120.000 Zeichen und somit eine große Herausforderung für die KünstlerInnen.

Siegerprojekt wurde durch Fachjury ausgewählt

Eine Jury, bestehend aus Fachleuten (Historiker, GedenkstättenexpertInnen, Kunstsachverständigen) wählte im November 2008 in einer Sitzung von den 6 Einreichungen 2 Projekte für eine zweite Runde aus. Architekt Dipl. Ing. Kurt Ellmauer (Gmunden)  und der Künstler Gerhard Gutenberger (Laakirchen) wurden eingeladen, Verbesserungsvorschläge hinsichtlich ihrer Projekte zu unterbreiten. Aus der zweiten  Bewertungsrunde ging der Entwurf von Kurt Ellmauer als  Siegerprojekt hervor.

Die beiden Projektvorschläge folgten in ihren Konzeptionen unterschiedlichen Ideen. Gerhard Gutenberger schlug ein dem  menschlichen Maß nachempfundenes liegendes Objekt aus Beton, Glas und elektronischem („digitalem“) Gedächtnis mit Schriftbild vor. Im Abstand von 2 Sekunden erscheint der Name eines Opfers durch milchiges Glas. Das immaterielle und in Endlosschleife geschaltete Bild der Namen erscheint als Symbol des Gedenkens und Gedächtnisses. Zusätzlich sollte ein weiteres liegendes Objekt beigefügt werden und alle Opfernamen in analoger Form (Siebdruck auf Glas) tragen. Dem Projekt wurde Innovation in der Erinnerungs- und Denkmalkultur bescheinigt, die Bedenken, dass Angehörige von Opfern kaum in der Lage seien, Namen der Opfer zu finden, weil diese nur 2 Sekunden sichtbar seien sowie die zu erwartenden Folgekosten hinsichtlich Wartung etc. überwogen letztendlich, sodass der Entwurf von 5 der 6 Jurymitglieder nicht zur Realisierung vorgeschlagen wurde.

Der Siegerentwurf von Kurt Ellmauer sieht 156 Glastafeln vor, 100 cm hoch, 24 cm breit mit jeweils 56 Namen, die auf der bestehenden nordwestlichen Begrenzungsmauer aufgefaltet stehen. Sie bilden einen plastischen Raumabschluss zur gesamten Gedenkanlage. Die Beschriftung der Glastafeln erfolgt durch Lasertechnik in 1 cm hohen Lettern. Die Unterkonstruktion soll möglichst filigran aus Edelstahlrohren mit glasbündigen Punkthaltern ausgeführt sein. Obwohl auch gegen den  als „traditionell“ bezeichneten Mahnmalentwurf  zahlreiche Einwände erhoben wurden, sah die Mehrheit der Jury die Möglichkeit individuellen Trauerns und Gedenkens besser gelöst.

Juryangehörige Hannah Lessing (Nationalfonds): „Es handelt sich hier um ein ganz klassisches Mahnmal, aber gerade dazu muss man heute auch Mut haben, denn es geht noch immer um die Möglichkeit für Überlebende und ihre Nachkommen an einem Ort, vor einem Namen einer gewissen Person zu trauern und zu gedenken. Das ist heute noch immer für mich der Sinn eines Mahnmals.“

Finanzierung

Rund 80 % der Projektkosten (rund € 100.000) wurden vom Nationalfonds und vom Zukunftsfonds der Republik Österreich übernommen, doch zur Ausfinanzierung des Mahnmalprojekts mussten noch rund € 20.000 durch   Sponsoring und Spenden aufgebracht werden, weshalb sich der Baugbeginn verzögerte.

Das Denkmalprojekt wurde unterstützt von: Miba AG, Gmundner Zement, SPÖ Bildung, Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Solvay Österreich, Siemens AG Österreich, Asamer Holding AG, Dr. Christian Rainer, Salinen   Austria AG und Österreichische Nationalbank.

Baubeginn im Frühling 2011

Im April 2011 konnte schließlich mit den Bauarbeiten zur Errichtung des Denkmals begonnen werden. Die  restaurierungsbedürftige nordwestliche Begrenzungsmauer aus Bruchstein wurde in einem ersten Schritt abgetragen und eine Betonmauer errichtet, die der Edelstahlkonstruktion als Unterbau dient. Eine eigene  Hilfskonstruktion wurde angefertigt, um die Edelstahlrohre beim Einbetonieren im richtigen Winkel in der Mauer zu verankern. Anfang Juni war es schließlich so weit und die Edelstahlrohre wurden in der Betonmauer befestigt. In der Folge wurden verschiedenfärbige Glastafeln laserbeschriftet und bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen und  Lichtverhältnissen geprüft. Die Auswahl fiel nahezu einhellig auf ungefärbtes Glas. Weiters wurde eine Entscheidung für  einen Schrifttyp getroffen. Am 8. September konnte der Auftrag für die Laserbeschriftung  von 156 Glastafeln mit 8.412 Namen von Opfern des KZ Ebensee gegeben werden.

Fertigstellung

Das Denkmal konnte am 16. November 2011  inklusive einer erklärenden Zusatztafel fertiggestellt werden und am 12. Mai 2012 fand im Rahmen der 67. Internationalen Gedenkfeier die feierliche Enthüllung des Denkmals durch Nationalratspräsidentin Mag.a Barbara Prammer statt.


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